BELLEVUE: Monsieur Fikrat, Ihre Behörde spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Marrakesch. Was macht die Agence Urbaine genau?
Abdelouahed Fikrat: Wir sind als staatliche Stelle für die Stadtplanung von Marrakesch und für die Raumordnungspläne der umgebenden Provinzen zuständig, inklusive der Verkehrsinfrastruktur. Auch die Skigebiete im Hohen Atlas werden von uns kontrolliert.
BELLEVUE: Was steht denn drin in Ihren Raumordnungsplänen?
Fikrat: Zum Beispiel, wo die geschützten Grünflächen liegen. Das ist enorm wichtig, um Zersiedlung zu vermeiden.
BELLEVUE: Ist das eine Gefahr?
Fikrat: Nun ja, Marrakesch wächst zurzeit kräftig. Deshalb haben wir schon 1995 die Grüngürtel rund um die Stadt gesetzlich festgelegt. Und definiert, wo nur bis zu acht, fünf oder gar nur 2,5 Prozent der Fläche bebaut werden dürfen - das gilt zum Beispiel für die Palmeraie. Im Norden, bildet der Tensift - Fluss eine natürliche Grenze. Aber im Süden, etwa hinter dem Flughafen, ist es schon deutlich schwieriger.
BELLEVUE: Wieviele Neubauten entstehen denn in Marrakesch pro Jahr?
Fikrat: 2005 haben wir rund 6.000 Neubauten genehmigt, vom Einfamilienhaus bis zum Feriendorf auf mehreren hundert Hektar Fläche.
BELLEVUE: Wie steht das in Relation zur Einwohnerzahl?
Fikrat: Marrakesch hat laut der letzten Zählung von 2005 rund 860.000 Einwohner. Bei der momentanen Entwicklung gehen wir davon aus, dass es 2020 2,5 Millionen sein werden.
BELLEVUE: Trotz Ihrer Begrenzungen?
Fikrat: Einerseits begrenzen wir, das stimmt - aber wir wollen schließlich keinen Moloch ohne jedes Grün. Andererseits fördern wir das Wachstum aber auch. Nordwestlich des Zentrums haben wir eine komplette neue Stadt genehmigt: Tamansourt. Für 300.000 Einwohner! Sehen Sie, unsere Strategie ist die: Im inneren Stadtbereich wird verdichtet, in den Außenbezirken wird eher ausgedünnt.
BELLEVUE: Welche Pläne haben Sie denn für die Altstadt - die Medina?
Fikrat: Ich muss zugeben, dass es noch keine kohärente Vision für die Medina gibt. Aber wir werden in Kürze einen Plan vorstellen.
BELLEVUE: Ist der schon offiziell?
Fikrat: Sie sind die erste Zeitschrift, die davon erfährt. Der Plan heißt "Medina 2020" - und er beschreibt eine Vision von Harmonie. Das klingt vielleicht pathetisch, aber wir leben ja auch in einer außergewöhnlichen Stadt, die außergewöhnliche Menschen anzieht. Und in "Medina 2020" sind, das glauben wir jedenfalls, die Grundlagen dafür gegeben, dass der mysteriöse Charme der Medina nicht zerstört wird.
BELLEVUE: Wie kann das gelingen?
Fikrat: Indem strenge Denkmalschutzauflagen durchgesetzt werden und zugleich für eine moderne Infrastruktur - Abfallbeseitigung, Wasser, Strom usw. - gesorgt wird.
BELLEVUE: Wer bezahlt das?
Fikrat: Es gbit staatliche Gelder, denn Marrakesch ist eine Art Vorzeigestadt in Marokko. Aber es geht sicher nur, wenn auch ausländisches Kapital einfließt. Von Leuten, die nicht nur Häuser kaufen, sondern auch Existenzen gründen. Das unterstützen wir. Vor einigen Tagen habe ich mich übrigens mit einem deutschen Investor getroffen, der in ein Tourismusprojekt in der Medina investieren will. Den Namen? Nein, den darf ich Ihnen nicht verraten...
Foto: Abdelouahed Fikrat (links) im Gespräch mit Dr. Bohmann
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