Peter Schöllhorn: Es handelt sich dennoch um eine junge Entwicklung, die erst im neuen Jahrtausend begann? Ist das eine Modeerscheinung, die nur ein paar Jahre dauern wird?
O.Kirner: Marrakech ist sicher "en vogue" im Augenblick, Nachtclubs der 5 Millionen Euro-Kategorie machen vierteljährlich auf. Um nichts wird man in Frankreich derzeit mehr beneidet, als über den Spruch "ich flieg übers Wochenende nach Marrakech in meinen Riad". Deshalb auch die vielen VIPs in 2003! Der Rest des Königreiches ist noch Neuland, mit entsprechend niedrigeren Preisen, aber auch erhöhtem Risiko. Startschuss für den normalen Ausländer, hier zu investieren, war sicher die Thronübernahme von Mohammed VI, hier liebevoll nach dem französischen Teeniesender M6 genannt. Der im Westen ausgebildete Vierzigjährige zeigt, dass er wie sein Vater Hassan II straff führen kann. Andererseits wälzt er Wirtschaft, Gesellschaft und Politik völlig um. Das Königreich befindet sich heute im Umbruch und noch mit einem Bein im Mittelalter, mit dem anderen im 21. Jahrhundert. Das ergibt Spannungen, macht aber auch einen Teil seines Reizes aus. Ausserdem ergeben sich interessante wirtschafliche Gelegenheiten für Unternehmensgründer.
Peter Schöllhorn: Wie wird der ausländische Käufer aufgenommen und wie verkraften die Einheimischen den Gegensatz von Arm und Reich? Entstehen hier keine Ressentiments?
O.Kirner: In einem "emerging country" geht alles sehr schnell und die Ventile für den Aufstieg sind offen. Mit dem Strom kommt das Satellitenfernsehen in die Lehmhütten. Hat der Bauer eben ein gutes Grundstücksgeschäft gemacht, stellt er sich gleich einen Plasmabildschirm auf den Stampfboden. Es fahren zwar überall noch Eselskarren und die Bauarbeiter leben weiterhin in Beduinenzelten neben ihren Baustellen, aber jeder kann am Fortschritt teilhaben. Das hebelt auch die Argumente der Extremisten aus. Ein jemenitischer Jugendlicher wird sein Leben lang keine so lustigen Spielzeuge wie Handys benutzen können. In Marokko läuft heute fast jeder damit rum. Die Fähigkeit, die eigene Armut angesichts des Prunks der Reichen zu verkraften, holt der Muslim aus seiner Religion. Und im Gegensatz zu den Golfarabern, die hier in ihre Paläste auf ein Wochenende einfliegen, sind wir Europäer höchstens untere Mittelklasse. Man wird sehr freundlich aufgenommen.
Peter Schöllhorn: Gibt es ein politisches Risiko?
O.Kirner: Das Risiko durch extreme Islamisten ist begrenzt, obwohl diese wirklich Grund zum Unmut hätten: das kürzlich demokratisierte Familienrecht stellt die Frau dem Mann gleich. Nach den Attentaten in Casablanca im April 2003 erfasste eine anti-extremistische Solidaritätswelle das ganze Land und alle Schichten. Diese Demos gegen den Integrismus waren größer, als die gegen den amerikanischen Angriff des Iraks ein Jahr zuvor. Exekutive und Justiz griffen schnell und hart durch.
Politisch bremsen die Hardliner der Parlamentspartei PJD islamistische Extremisten aus und bringen sie in eine gemässigte Bahn. Die Realpolitiker der PJD verlangen zwar ein religionstreues Leben im Königreich, bekämpfen allerdings orientalische Korruption schärfer als okzidentalische Mode. Die PJD setzt ihre Prioritäten recht pragmatisch. Das tut Marokko gut.
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